Der Tod von Herr E. und der Umstand, von ihm nicht Abschied nehmen zu können, hat mich im Nachhinein noch nachdrücklich beschäftigt. Es brachte Erinnerungen an den Tod meines Vaters hoch, mit denen ich dachte, längst abgeschlossen zu haben.

Als er vor nun beinahe zehn Jahren bei uns zu Hause im Wohnzimmer starb, konnte ich mich nicht richtig von ihm verabschieden. Auch im Moment des Sterbens war ich nicht anwesend, etwa eine halbe Stunde vorher war ich noch bei ihm, legte mich wieder hin und meine Schwester, mit der ich in einem Zimmer schlief, stand auf und ging zu ihm. Wenige Minuten später kam sie zu mir und sagte, er sei gerade gestorben.

Ich war enttäuscht und wütend. All die Jahre seiner Krankheit war ich für ihn da, mehr als es mir als Heranwachsende und seine jüngste Tochter lieb war. Ich sah es als meine Pflicht an, ihm emotionalen Halt und Trost zu schenken, den er sonst nirgends fand. Und als er dann endlich starb, hatte er nicht einmal den Anstand, auf einen Moment zu warten, wo wir drei, meine Mutter, meine Schwester und ich, allesamt bei ihm am Krankenbett vereint waren. Jahrelang lastete die Aufgabe auf mir, mich von ihm zu verabschieden. Doch wie gelingt Abschied? Kann man das in einem Volkshochschulkurs lernen?

Am nächsten Tag war ich wie betäubt. Meine Schwester und meine Mutter halfen, ihn zu waschen und anzukleiden. Ich schaute zu, legte ihm ein Freundschaftsband um sein Handgelenk, das ich ihm geknüpft und er früher mal getragen hatte. Es blieb gerade noch Zeit, ein paar Fotos von ihm zu machen. Da wurde er auch schon abgeholt und ins Krematorium gebracht.

All das erzählte ich der Seelsorgerin an der Klinik, die auch auch für uns Sterbebegleiter Ansprechpartnerin ist. Von ihr bekam ich den Tipp, meinem Vater einen Brief zu schreiben. In den nächsten Wochen setze ich mich also immer wieder daran und schrieb ihm, alles, was mir in den Sinn kam. Vor allem beschäftigte mich die Frage. Wie geht es ihm? Hatte er inzwischen seinen Platz gefunden? Damit verbunden war wohl immer der Wunsch, ein Zeichen von ihm zu bekommen.

Bis dahin hatte ich nämlich das Gefühl, er sei noch gar nicht richtig angekommen, wo er jetzt hingehöre, als lebe er immer noch hier mit mir. Von Claudia Cardinal weiß ich inzwischen, dass es für dieses Phänomen einen Namen gibt. Wiedergänger sind Verstorbene in der Welt der Lebenden. Mein Vater war für mich ein solcher Wiedergänger. Wir hatten uns schließlich noch nicht voneinander verabschiedet.

An einem kühlen Samstagmorgen im April, ich war um 4 Uhr aufgestanden, um mit dem Zug nach Hamburg zu fahren, hatte ich noch ein paar Minuten Leerlauf, eine ausgesprochene Seltenheit für mich, bevor ich meine Ausbildung zur Sterbeamme beginnen würde. Der Himmel war wolkenverhangen und ich nur wenige Meter von dem Ort in Hamburg-Bergedorf entfernt, wo ich den kommenden zwei Jahren zur Sterbeamme ausgebildet würde. Da brach hinter mir plötzlich die Wolkendecke auf und ich war überrascht, mit welcher Kraft die Aprilsonne meinen Hinterkopf wärmte.

Ich drehte mich um und wollte noch ein wenig die warmen Sonnenstrahlen genießen. Da spürte ich auf einmal ganz deutlich die Präsenz meines Vaters. Wie versteinert blieb ich stehen und lauschte. Ich hörte weder seine Stimme, noch erschien mir sein Bild, es war bloß seine Energie, die ich ganz deutlich wahrnahm, als wolle er mir sagen: Mir geht es gut. Vergib mir. Ich gebe Dir meinen Segen und lasse dich los.

Was für eine wichtige Nachricht, die mich da zum rechten Augenblick erreichte! So konnte ich nun völlig frei meiner Ausbildung zur Sterbeamme aufnehmen, ohne dies zur eigenen Heilung zu tun. Expertin im Begleiten Sterbender war ich bereits durch die lange Krankheit meines Vaters, nun konnte ich diese Erfahrung auch für andere nutzen, und zwar ohne Gräuel auf meinen Vater.

An meinem ersten Ausbildungswochenende bei Claudia Cardinal lernte ich, dass tot sein allein nicht ausreiche, um eine Beziehung aufzulösen. Wir können lernen, über den letzten Atemzug hinauszudenken und in Verbindung zu Verstorbenen zu bleiben.

Wirklich lustig an dem Umstand dieser Begegnung ist, dass mein Vater vor seinem Tod immer sagte, er würde dann auf einer Wolke sitzen mit einem Glas gutem Rotwein und uns zuprosten.

Zum Wohl, Papa!