Eine meiner ersten Begleitungen führt mich zu einem Schlaganfall-Patienten, der in einem Pflegeheim im Süden Berlins lebt. Die Einrichtung hat wahnsinnig niedrige Decken und auf den Fluren kommen mir verwirrte, desorientierte Menschen entgegen. Nach jedem Besuch habe ich das Bedürfnis, mich zu duschen.

Herr E. ist 77 Jahre alt und kann sich mir nicht mehr mitteilen. Sein letzter Krankenhausaufenthalt wegen seines insgesamt 3. Schlaganfalls liegt noch nicht lange zurück, über eine Magensonde wird er künstlich ernährt. Wie so viele Menschen in diesem Heim hat Herr E. einen amtlichen Betreuer, der über seine Belange entscheidet, den ich aber nie kennenlerne. Herr E. teilt sich ein Zimmer mit Herrn K., der selbst jegliches Gespräch ablehnt, aber versucht, jeden meiner Besuche dazu zu nutzen, in meiner Begleitung eine Zigarette zu rauchen. „Schwester, seien Sie doch so nett.“

Zufällig erfahre ich von einer Pflegerin, dass eine jüngere Schwester von Herrn E. im selben Heim gleich eine Etage tiefer lebt. Da Herr E. selbst nicht mehr in der Lage ist, zu kommunizieren und mir außer seiner wichtigsten biografischen Daten und dem Gesundheitszustand keine persönlichen Informationen vorliegen, erfahre ich über sie von seiner Liebe zu Opernmusik.

Bei meinem nächsten Besuch bringe ich Lautsprecher mit. Ich habe mir ein paar Stücke berühmter Mozart-Opern auf meinen Rechner geladen. Vom Vogelfänger und der Königin der Nacht aus der Zauberflöte über Don Giovannis Madamina bis zu Figaros Hochzeit lasse ich ca. eine Stunde Opernmusik erklingen — ganz zum Leidwesen des Zimmernachbarns Herr K.. Der will lieber eine rauchen — und zwar in Ruhe.

Gar nicht so leicht, mich trotz seiner Zwischenrufe („Schwester, seien Sie doch so nett.“) auf Herrn E. zu konzentrieren. Ich setze mich an sein Bett — mit dem Rücken zu Herrn K. — und stelle meine Atmung auf seine ein. Sein Gesicht regt sich, der Atem scheint sich zu entspannen, wirkt weniger schwerfällig. Der Hörsinn von Sterbenden ist meist sehr fein ausgeprägt, er ist der letzte Sinn, der schwindet.

Als ich eine Woche später durch den Eingang des Pflegeheimes komme, fällt mir eine Art Hausaltar auf, auf dem Steine mit den Namen der verstorbenen Gäste der vergangene Woche liegen. Auf einem der Steine steht „Herrn E.“. Zunächst halte ich das für einen Irrtum. Das muss ein Namensvetter sein. Man hätte mich doch wie vereinbart informiert, wäre er gestorben. Ich laufe die Treppen hoch, schneller als gewohnt, über den gedrungenen Flur zu seinem Zimmer. Auf dem Schild an der Tür lese ich nur noch den Namen von Herrn K., durch die geöffnete Tür sehe ich sein leeres Bett.

Ich hätte mich gerne noch von seinem Leichnam verabschiedet. Das ist wichtig, um eine Begleitung abzuschließen und es trifft mich, dass ich dazu nun keine Gelegenheit mehr habe. Im stressigen Alltag des Pflegeheims ist es leider untergegangen, mich zu informieren.

Vom Pflegepersonal erfahre ich, dass Herr E. bereits vor sechs Tagen nur wenige Stunden nach meinem Besuch verstorben ist. Mit Mozarts Musik im Ohr sei er einfach eingeschlafen.