Alles begann im Sommer 2016 mit einer Hand selbst gepflückter Brombeeren auf einer Veranda in der Uckermark. Meine Freundin Lia und ich hatten auf einer kleinen Spritztour Halt bei Lias Mutter gemacht. Diese erzählte mir von ihrem Beruf als Koordinatorin eines Ambulanten Hospizdienstes in Berlin.Die Entscheidung, mich zur ehrenamtlichen Sterbebegleiterin ausbilden zu lassen, war sofort gefällt.

Mein Zugang zur Sterbebegleitung ist ein sehr persönlicher. Als ich 13 Jahre alt war, ist mein Vater an Krebs erkrankt. 12 Jahre später starb er an den Folgen seiner Erkrankung, nachdem meine Mutter, meine Schwester und ich ihn zu Hause gepflegt und verabschiedet haben. Das liegt nun beinahe zehn Jahre zurück. Palliativmedizinische Versorgung eines ambulanten Hospizdienstes oder gar die Unterstützung durch ehrenamtliche Sterbebegleiter haben meine Familie und ich damals im ländlichen Umkreis von Aachen leider nicht erfahren.

Umso mehr war mir klar, wie groß der Bedarf ist, sterbenden Menschen und ihren Zugehörigen beim Abschiednehmen beizustehen. Meine Intention war die Folgende: Wenn ich Sterbenden ihre Angst vor dem Tod nehmen kann, befreie ich mich auch selbst vor meiner eigenen Angst vor der Vergänglichkeit. Gleichzeitig hatte ich großen Respekt vor dieser Aufgabe. Bereits im Vorgespräch wurde deutlich, dass ein wesentlicher Bestandteil der Ausbildung die intensive Auseinandersetzung mit eigenen Erfahrungen sein würde. Doch in dem sicheren Raum, den wir als Gruppe gemeinsam gestalteten, fiel es mir leicht, Vergangenes zu reflektieren und in einem neuen Licht zu sehen. Die Ausbildung hielt einige überraschende wie heilsame Einsichten für mich bereit.

Zu Beginn meiner Praktikumszeit wollte ich einmal voll und ganz eintauchen in die Arbeit der Hauptamtlichen im Hospiz und so entschied ich mich, am Silvesterabend eine Pflegerin auf ihrem Spätdienst zu begleiten. Erschöpft von den vielen Eindrücken lernte ich einmal mehr, wie wichtig es war, zunächst für mich selbst zu sorgen, bevor ich für andere da sein konnte.

Es folgten einige Begegnungen, die im Hinblick auf mein Verhältnis zum Tod besonders wertvoll waren. Ich machte erstmals die Erfahrung, dass zu sterben nicht immer gleichzusetzen war mit einem langwierigen, qualvollen und angsterfüllten Prozess, sondern als erlösend und befreiend erlebt wurde. Ja, ich verstand sogar, was gemeint war, mit dem so genannten “Leben bis zuletzt”. Und dass die Zeit vor dem Tod eine ganz besonders kostbare, fruchtbare ist, in der nochmals Neues entsteht. Als Sterbebegleiter sind wir vor allem auch Lebensbegleiter. Mal wurde ich mit einem Engel verwechselt, mal sang ich ein letztes Mal das gewünschte Lied, mal spielte ich die geliebte Opernmusik vor, bevor sich die Menschen am nächsten Tag aus dem Leben verabschiedeten.

Eine weitere wichtige Lektion musste ich lernen: Geduld. Aus meinem bisherigen Berufsleben war ich es gewohnt, dass Dinge nach Plan erfolgten. Der Tod kommt aber immer überraschend. So verstarben zwei Menschen, bereits bevor ich sie zum ersten Mal besuchen sollte. Eifer und Ehrgeiz stießen auf Granit, meine Frustration fand keinen Adressaten und ich lernte, dass auch dies zu meinem neuen Ehrenamt gehörte.

Doch was ich in den Begegnungen mit den Sterbenden immer wieder erlebte, empfand ich als ein so großes Geschenk, dass ich mich dazu entschied, mich zur Sterbeamme bei Claudia Cardinal in Hamburg ausbilden zu lassen. Seit November 2017 darf ich mich außerdem Heilpraktikerin für Psychotherapie nennen.