Die jüngere Schwester von Herrn E. lebt im selben Pflegeheim auf einer anderen Station nur eine Etage tiefer. Ich gewöhne mir an, nach meinen Besuchen bei Herrn E. auch bei ihr vorbeizuschauen.

Frau E. war so wie ihr Bruder nie verheiratet, hat keine Kinder und fast ihr gesamtes Leben mit ihm zusammengelebt. Sie ist mit gerade mal 60 Jahren aufgrund einer Diabetes erblindet und wird u.a. mit Psychopharmaka behandelt — gegen die Angst. Bei meinen Besuchen liegt sie im Bett, wird aber täglich mobilisiert und kann im Rollstuhl sitzen. Sie lebt allein mit ihren unzähligen Katzenfiguren in einer Glasvitrine, im Hintergrund läuft eine Castingshow, Dieter Bohlen lässt die Kandidaten in einer Wüste gegeneinander antreten.

Im Gegensatz zu ihrem Bruder ist sie bei vollem Bewusstsein und ich bin dankbar dafür, durch das Gespräch mit ihr auch einen besseren Zugang zu Herrn E. zu bekommen. Über sie erfahre ich von seiner Liebe zur Opernmusik.

Sie weiß bereits, dass ihr Bruder mehrfach im Krankenhaus war und wirkt sehr besorgt. Besucht hat sie ihn schon lange nicht mehr, das könne sie einfach nicht. Sie warte darauf, dass es ihm wieder besser geht. Ich biete ihr an, sie bei dem Besuch ihres Bruders zu unterstützen und spüre, wie in mir die Überzeugung anwächst, es wäre richtig und wichtig, dass sie ihrem Bruder ein letztes Mal an seinem Sterbebett begegnet, um sich von ihm zu verabschieden.

Ich will Verbindung herstellen, wo die Angst vor dem Tod eine Verbindung verhindert, will Begegnung schaffen, wo die Hoffnung auf Besserung eine Begegnung aufschiebt. Ich will ihr helfen, Abschied zu nehmen und Trauerarbeit bereits vor dem Tod ihres Bruders zu beginnen. Ich fürchte, dass sie sich ansonsten nach seinem Tod Vorwürfe machen könne. Also kämpfe ich. Doch ich habe mächtige Gegner: Ihre Angst und ihre Freiheit.

Bei einem meiner nächsten Besuche von Herrn E. hat sich sein Zustand weiter verschlechtert. Noch einmal unterstreiche ich mein Angebot, sie bei einem Besuch ihres Bruders zu unterstützen. Sie sperrt sich.

Im Gespräch mit einer Pflegerin bekomme ich Gegenwind. Vielleicht sei es gar nicht immer gut, aktiv von Sterbenden Abschied zu nehmen. Manche Menschen fürchten die Begegnung mit Sterbenden zu sehr. Sie finden keine Worte oder Gesten der Verabschiedung und wollen es lieber bei ihrer alten Erinnerung belassen.

Am nächsten Morgen nach meinem Besuch mit der Opernmusik verstirbt Herr E. Seine Schwester hatte mir noch aufgetragen, ihm ihre Grüße zu übermitteln. Ich fühle mich ein wenig so, als hätte ich versagt. Gleichzeitig spüre ich, dass ich ihre Entscheidung, auch wenn ich sie nicht teile, zu 100 % akzeptieren möchte.

Ein paar Wochen später bei meiner Ausbildung zur Sterbeamme legt Claudia Cardinal ein Straßenschild in unsere Mitte. Darauf steht „Große Freiheit“.

Und ich begreife, dass meine Arbeit manchmal eben einfach bloß darin besteht, die Freiheit des anderen zu akzeptieren, auch wenn das heißen kann, dass dieser seiner Angst folgt. Ich bin frei von Urteil darüber. Das ist ein wesentlicher Teil meiner großen Freiheit. Denn wer liebt, urteilt nicht.